Ich habe vor kurzem mit zwei langjährigen Schülern diskutiert. Die beiden begleiten mich schon seit fast 7 Jahren und sind gestandene Leute, welche mir durchaus Ihre Meinung direkt ins Gesicht sagen.
Mir wurde gesagt, ich schimpfe nicht im Training. Ich habe nur einmal die contenance verloren und die beiden „angemacht“ als sie trotz wiederholter Aufforderung ein sachfremdes Gespräch nicht eingestellt haben. Obwohl das schon mindestens 3 Jahre her ist erinnern sich die Beiden immer noch und sind der Meinung das war durchaus angemessen.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin auch sparsam mit Lob. Ein „Gut“ gibt es hin und wieder ansonsten knappe-, und ich hoffe präzise Anweisungen wie die Techniken zu verbessern sind.
Kein Gebrülle oder quasimilitärische Order und Schüler in Reih und Glied. In vielen Dojo findet man das leider und es wird auch noch als „traditionelle Etikette“ verkauft.
Da ist man ernst, fast roboterhaft und es herrscht entweder eine angstvolle „Kasernenhof-Atmosphäre“ oder eine affektierte „Guruanbetung“ mit immer neuen „traditionellen Ritualen“ welche die Überlegenheit des „Meisters“ zelebriert.
Anders in den wirklich traditionellen japanischen Kampfkünsten.
Es darf auch mal Gelacht werden! Ja selbst sachfremde Gespräche dürfen geführt werden.
Alle sind mit dem Gleichen Ziel da: etwas Lernen. Der Lehrer ist zwangsläufig etwas weiter und fordert natürlicherweise hin und wieder die Aufmerksamkeit um etwas zu demonstrieren.
Das Training geht ansatzlos über, von lockerem Erwärmen in Messerscharfen Fokus beim Kata-üben, zurück in eine eher lockere, manchmal humorvolle Demonstration eines Fehlers (ich liebe Übertreibung als Didaktisches Mittel) wieder zurück zum „Kampffokus“.
Es herrscht eine Atmosphäre des gemeinsamen Lernens. Es darf Spaß bringen, ohne in die Bedeutungslosigkeit abzudriften. Es ist intensiv, ohne bewusst zu verletzen oder zu unterdrücken.
Der Lehrer hat (Idealerweise) eine natürliche Autorität, geboren aus seinem Vorsprung in der Sache (dafür muss er natürlich auch daran arbeiten!)
Die Etikette ergibt sich immer aus praktischen Überlegungen bzw. meistens aus Sicherheitsgründen.
Manche dieser Gründe sind aus einer anderen Zeit und Umgebung. Also vielleicht etwas fremd für uns. Der Lehrer sollte sie aber immer astrein erklären können und die Regeln müssen im Kontext einen logischen Sinn ergeben. Und sollten auch heute noch einen vernünftigen Sinn haben.
Ich lasse mein Schwert nun mal nicht blank irgendwo liegen –  ein entsichertes Sturmgewehr sollte schließlich auch nicht in der Schießhalle einfach so auf dem Boden rumliegen.
Wenn ich das erste Mal auf dem Schießplatz bin, warte ich auf die Einweisung in die Örtlichkeit und in die Handhabung der Waffe bevor ich unter sachkundiger Anleitung schieße. Genauso renne ich im Dojo nicht zu den Übungswaffen und schwinge diese unkontrolliert in jede Richtung.

Aufmerksamkeit ist das Schlüsselwort! In einem Gefecht muss ich mich blind auf die Kameraden verlassen. In einem Ballspiel, Fußball, Handball oder was auch immer bin ich mit dem Team eingespielt um zu gewinnen. Im Dojo bin ich mir meiner Selbst, meiner Kollegen, dem Lehrer und der Umgebung bewusst und versuche die „Stimmung“ zu lesen, was gerade dran ist,
„Kampffokus“ , „Lernfokus“ oder lockeres Miteinander um das gemeinsame Ziel zu erreichen: Besser zu werden!

PS. Den beiden ist diese Begebenheit in Erinnerung geblieben, weil sie selbst wissen, dass sie in ihrer Aufmerksamkeit nachgelassen haben. Es war OK zu reden. Sie haben aber den „Fokuswechsel“ verpasst. Darauf darf und muss der Lehrer hinweisen. Und ich selbst muss noch mehr üben rein durch Vorbild und „Spirit“ in den Schülern diese Aufmerksamkeit zu erzeugen.
Das ist „onegai shimasu“!

viele Grüße

Tim

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