Haben Sie sich schon mal gefragt, was wir hier eigentlich machen. Will sagen worum geht es überhaupt, wenn man klassische japanische Kampfkunst trainiert?

Ein Spruch bei uns im Training, wenn jemand fragt

„Was mache ich hier eigentlich?!“ besagt: „Töten oder Sterben!“

Das klingt vielleicht im ersten Moment für einige etwas krass. Aber genau so ist es.

Die Kata, also die Techniken und übergeordneten Prinzipien sind überwiegend in den Kôryu genau darauf ausgelegt. Wir haben immer Uke 受け und Tori 取り, also sinngemäß den Ausführenden und den, mit dem etwas gemacht wird. Die Namen für diese beiden Rollen wechseln von Ryu zu Ryu, aber es gibt sie immer.

Der eine tötet, der andere stirbt. Meistens.

Beide tun das mit Fokus, mit voller Aufmerksamkeit und mit Willen.

Ich möchte folgend einen Auszug aus einem Interview mit Yukiyoshi Takamura, Shindo Yoshin-ryu jujutsu sôke zitieren.
Es wurde geführt von Stanley Prain vom Aikido Journal
und ist hier zu finden: http://www.shinyokai.com/Takamura/interview.pdf

Some aikido teachers talk a lot about nonviolence, but fail to understand this truth. A pacifist is not really a pacifist if he is unable to make a choice between violence and nonviolence. A true pacifist is able to kill or maim in the blink of an eye, but at the moment of impending destruction of the enemy he chooses non-violence. He chooses peace. He must be able to make a choice. He must have the genuine ability to destroy his enemy and then choose not to. I have heard this excuse made. „I choose to be a pacifist before learning techniques so I do not need to learn the power of destruction.“ This shows no comprehension of the mind of the true warrior. This is just a rationalization to cover the fear of injury or hard training. The true warrior who chooses to be a pacifist is willing to stand and die for his principles. People claiming to be pacifists who rationalize to avoid hard training or injury will flee instead of standing and dying for principle. They are just cowards. Only a warrior who has tempered his spirit in conflict and who has confronted himself and his greatest fears can in my opinion make the choice to be a true pacifist.“

Ich spare mir mal die Übersetzung. Auch können sie gerne Aikido durch eine der vielen anderen Künste oder Sportarten ersetzen.

Die klassischen Kampfkünste waren gedacht für Krieger. Diese Krieger waren in den seltensten Fällen Pazifisten. Wenn schon ein „richtiger Pazifist“ die Fähigkeit zum kämpfen, zerstören, töten haben muss (und ich denke Takamura wusste wovon er spricht) um sich tatsächlich entscheiden zu können, wie sah dann wohl das Training für Berufskrieger aus, deren Aufgabe es war den Gegner (in den meisten Fällen ebenfalls trainierte Kämpfer) unter allen Umständen zu besiegen?

All diese Gedanken schossen mir durch den Kopf als ich neulich im hiesigen Gesundheitsamt anlässlich des jährlichen Jugendgesundheitstages etwas Selbstverteidigung unterrichten sollte. Es ging im Grunde darum, viele, viele Jugendliche zwischen 15 und 18 Jahren, welche in kleinen Gruppen im 15 Minutentakt durch verschiedene Themen geschleust werden zu unterrichten.

Gut, dass man unter den Voraussetzungen nicht wirklich weit kommt ist klar, aber ein anderes Thema.
Zwei Begegnungen stachen heraus. Zuerst kam eine Gruppe von Lehrern und Lehrerinnen vorbei (die werden extra herumgeführt). Es war gerade eine Gruppe von Mädchen auf der Matte, die erfreulicherweise ihre Hemmungen etwas verloren hatten und sich gegenseitig auf die Matte klatschten dass es eine Freude war. (Wir haben echt einfache und sogar relativ harmlose Sachen gemacht.)
Eine Lehrerin stand nur ganz kurz daneben und lief dann empört weg. Dabei murmelte Sie die ganze Zeit: Nee, dass wäre ihr zu brutal sogar zum anschauen. Den Mitarbeiterinnen des Amtes war das sichtlich peinlich, da die schon eher wissen, was „draußen“ so abgehen kann.

Da stellt sich mir die Frage:

Erstens was für ein Vorbild gibt so ein Mensch für junge Frauen ab? und zweitens sind genau das die Menschen, die gerne in Selbstverteidigungskurse gehen und „Verteidigung, aber bitte ohne Gewalt“ lernen möchte.

Die Zweite Begegnung kam etwas später. Ein Junge von 15 Jahren stand mit gegenüber und meinte süffisant grinsend nee, so geht das nicht, weil… mein Lehrer macht das ja anders.

Kein Problem, soll er doch zeigen was er so meint, das stört mich nicht.

Ich habe ihn also mal machen lassen und natürlich den Angreifer gespielt. Seine Techniken funktionierten nicht. Danach habe ich ihn angreifen lassen und siehe da, meine Technik funktionierte.

Auf die Frage, was er den nun machen möchte kam die Antwort Schocktechnik. Er versuchte es also nochmal und trat mir wirkungslos vor das Schienbein. Seine Technik funktionierte immer noch nicht.

Natürlich war ich ungerecht und irgendwie habe ich seine Technik kaputtgemacht und er wäre ja schließlich sensei und 3 Dan 😮 und überhaupt, auf der Straße hätte er bestimmt alle fertiggemacht.
Eine dritte Begegnung, eher ein Extrakt aus einigen Begegnungen sind diejenigen, mit Menschen welche besonders spirituelle Kampfkunst üben und die Vervollkommnung des Eigenen Charakters und vielleicht auch die Erleuchtung suchen aber sofort genau das als Entschuldigung vorschieben, wenn es um etwas härtere Trainingsformen geht oder um körperliche Anstrengung überhaupt.

Was sagt uns das jetzt?!
1. Kämpfen hat was mit Gewalt zu tun. Ja, auch Selbstverteidigung ist Kämpfen und damit ist die Beschäftigung mit Gewalt unumgänglich.
2. Wenn man nicht beide Seiten lernt, Töten und Sterben, Austeilen und Einstecken, harte Arbeit , Schweiß und auch mal einen Dämpfer wird man vielleicht einer von diesen unsäglich bräsigen, von sich überzeugten dickbäuchigen Nichtskönnern von Lehrern, welche immer mal wieder die Matte voll stehen. Die züchten sich gerne Ebenbilder schon in jungen Jahren.
3. Die spirituelle Dimension jeder Kampfkunst liegt nicht in philosophischen Gesprächen (auch wenn Diese durchaus Spaß bringen können) sie liegt in der Zentralen Frage der Menschen von Leben und Tod, in dem Umgang mit unangenehmen Dingen wie Schmerz, Angst und Niederlage und der Freude, wenn man etwas geschafft hat. Dahin kommt man aber nur, wenn man sich diesen Dingen auch aussetzt.

Was machen wir also:

Töten und Sterben!

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