Zwei wichtige, wenn nicht gar die wichtigsten Prinzipien in den Kampfkünsten sind Gleichgewicht bzw. Gleichgewichtsbruch Kuzushiund  Körperbewegung Tai sabaki 体捌.

Tai sabaki mag evtl. etwas wichtiger sein wenn es um bewaffneten Kampf geht, während Kuzushi wahrscheinlich im unbewaffneten Nahkampf etwas zu betonen ist.

Auch wenn Beide eng zusammengehören werde ich mich erst mal mit Kuzushi beschäftigen.

Kuzushi, von kuzusu : runterziehen, kaputtmachen oder zerstören bedeutet schlicht und einfach genau dass. Man zerstört das Gleichgewicht des Gegners. Genau hier liegt das „Geheimniss“ des Jûjutsu, der kraftsparenden oder ökonomischen Technik oder Kunst.       Und genau da scheitern viele, weil sie von vorn herein einen falschen Denkansatz haben oder Kuzushi einfach ignorieren.

Man ist eben nicht besonders „sanft“ zum Gegner. Vielmehr bin ich durch einen guten Gleichgewichtsbruch sanft zu mir, da ich Kraft spare. Die Schwerkraft arbeitet für mich.

Schön und gut. Aber wie breche ich nun das Gleichgewicht?

Punkt eins, ich brauche erst mal selbst ein gutes Gleichgewicht!
Sowohl körperlich als auch  mental.                                                                                                        

Ich beschränke mich hier mal auf die rein physikalische, also körperliche Seite.

Sie können nichts und niemanden beeinflussen wenn Sie nicht selbst eine gute und stabile Position haben. Versuchen Sie doch mal eine Bierkiste auf einem Bein stehend hochzuheben, na? Geht nicht so gut oder.                                                                                       Dann brauchen sie natürlich noch eine gute Distanz , am besten die „ideale Distanz“ auch maai 間合 genannt.                                                                                                                                         Versuchen sie einfach wieder die Bierkiste hochzuheben, diesmal haben sie sich gut auf beide Beine gestellt und ihr Körper steht richtig schön und stabil über dem Zentrum. Moment, sie stehen aber so weit weg, dass sie beide Arme ganz strecken müssen um überhaupt an die Kiste dranzukommen. Nun die Kiste hochheben können sie vergessen.

Sie brauchen also die richtige Distanz und selbst ein gutes Gleichgewicht um irgendetwas physikalisch zu beeinflussen. Und wie komme ich genau da hin?
Richtig. Hier kommt Taisabaki ins Spiel.

Nichts anderes als die möglichst ökonomische Bewegung in die ideale Distanz unter Beibehaltung meines Gleichgewichts ist Taisabaki.

Nun befinde ich mich erst in der Ausgangsanlage das Gleichgewicht des Gegners zu beeinflussen. Das Beispiel mit der Bierkiste hinkt nun, ich breche nicht das Gleichgewicht der Kiste um sie Hochzuheben. Genaugenommen hebe ich einen Gegner auch nicht hoch. (OK, viele tun es doch, wir aber nicht. Warum nicht? …….. Erinnern sie sich noch an den Vorsatz Kraft zu sparen?)  Der Mensch hat nun mal nur zwei Beine. Am besten steht er, wenn das Gewicht gleichmäßig über diesen beiden Stelzen verteilt ist.
Mein Ziel ist es nun dies zu ändern. Dazu kann ich z.B. einen Schlag des Gegners weiterleiten. Nicht taisabaki vergessen um zuvor aus der Angriffslinie zu verschwinden und mich idealerweise mit derselben Bewegung in die perfekte Distanz bringen. Außerdem leite ich den Arm irgendwohin, wo kein Bein ist. Also in die Gleichgewichtsbruchlinie.

Ich könnte auch mit Aktion-Reaktion arbeiten. Nehmen wir obiges einfach Beispiel. Der Gegner möchte seine Hand wiederhaben nachdem er mich nicht getroffen hat.
Er ist schließlich kein „einarmiger Bandit auf Valium“ der unmotiviert die Gegend voll steht und seinen Arm in die Luft hält. (Sieht man leider auch oft genug in diversen Schulen) Vielleicht möchte er mich ja mit der anderen Hand schlagen.
Er zieht die Hand zurück und ich könnte diese Bewegung nun verstärken um den Gleichgewichtsbruch diesmal zur anderen Seite zu erzeugen.
Wieder ein einfaches Beispiel.

Nun gibt es natürlich noch die Möglichkeit ein Atemi 当身 , also einen Schlag zu setzen um den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen.
Aber machen sie sich nichts vor. Glauben sie wirklich, diverse „Schocktechniken“ welche immer wieder in einigen Künsten gelehrt werden führen zum Gleichgewichtsbruch?!
Wieder ein einfaches Beispiel. 90Kg Killer greift 55 kg Frau an. Diese „schockt“ den skrupellosen Angreifer mit einem Tritt vors Schienbein. Glauben sie wirklich das bringt den Herren aus dem Gleichgewicht? Oder auch nur für einen Moment aus dem Konzept? Leider scheinen das einige zu Glauben, da der Standartgleichgewichtsbruch in viele modernen Schulen genau so aussieht.

Wenn schon Atemi, dann bitte richtig. Wenn der Gegner nach einem ordentlichen Schlag zum Gesicht blutend zu Boden geht ist das Gleichgewicht schließlich gebrochen.
Und wenn er noch nicht zu Boden gehen sollte, dann ist er vielleicht „geschockt“ genug um ihn zu werfen. Nur mit dieser Intention funktioniert Atemi!

Im Endeffekt ist es wahrscheinlich eine Kombination aus den angesprochenen Punkten, welche den Gegner soweit aus dem Gleichgewicht bringt, dass ich ihn bearbeiten kann.

Gleichgewicht und Körperbewegung sind so wichtig, dass sie gar nicht oft genug geübt werden können. Aber gerade diese beiden Prinzipien werden oft sträflich vernachlässigt.

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